Rainer Liesenfeld zu der Fusion
von SWF 3 und SDR 3 zu SWR 3:

SWF3 war dereinst Avantgarde-Sender der Popmusik-Szene. Hier schafften es nur die Besten nach oben. Spätestens nach der Fusion mit der süddeutschen Sende-Anstalt  SDR3 änderte sich was. Das Individuum verschwand. Das formatierte, geglättete Radio kam. Heute ist der Sender unter dem Namen SWR3 das meistgehörte Radio Deutschlands, hat einen hervorragenden Internet-Auftritt - aber Ruhm und Aura sind verpufft.

Als Kultsender der Popkultur-Jugend etablierte sich ab Mitte der Siebziger Jahre der Sender SWF3 in der deutschen Radio-Landschaft. Die Sprecher von SWF3 mochten intern etwas von der Arroganz aller Innovativen und Professionellen haben. Für die Fan-Gemeinde lieferte SWF3 das schlüssigste und kernigste Formatradio-Konzept im gesamten deutschen Hörfunk.

Irritierend wirkte mit der Fusion von SWF und SDR die neue Namens- und Marktaufstellung als “SWR3”: Was zu markant war, mußte verschwinden: Kultsprecher Elmar Hörig wurde 1999 gefeuert. Er hatte sich mit seinem derben Humor weiter vorgewagt als es eine politisch-korrekte Zielgruppenansprache oder  die Bedürfnisse der Mediaplanung verkraften wollten. Dennoch gilt auch das neue SWR3 als das schnellste und professionellste Radiokonzept am deutschen Markt. Der Internet-Auftritt mit Webradio ist hochlobenswert. Menge und Qualität der Sketche haben allerdings im Vergleich zu früheren Zeiten nachgelassen.

War es im 91er-Winter? Oder der Sommer `94? Morgens von acht bis zwölf machte SWF3 auf poetisch. Lange im Bett liegen, den speziell-gemütlichen Morgenschweiß der Freundin in der Nase - und dazu die besten Musik-Balladen hören. Es war eine der wenigen SWF3-Sendungen, die etwas textlastiger ausfielen. Und weil man Sonntagmorgens Muße hat, die Gedanken treiben zu lassen, machte das überhaupt nichts aus.

Den Baden-Badener Radiomachern war ein Gedichtband des Lyrikers Uli Becker in die Hände gekommen: “Alles kurz und klein”. Jede Sequenz aus Beckers Buch beginnt mit dem Intro “Ich erinnere mich ...” Und so wählte der Sprecher den getragenen Tonfall, der dem Sentimentalen angemessen ist.

“Ich erinnere mich, daß es bei unserer Musiktruhe noch 78 gab....”

“Ich erinnere mich an die Bluna-Kampagne von Charles Wilp und an Sinalco in dieser völlig ohne Feeling nachgemachten Flasche, als hätten sie das kurvenreiche Original in einen Hüfthalter gezwängt.

“Ich erinnere mich, wie ich von der Schule nach Hause kam und beiläufig erfuhr, daß mein Kirmesteddy im Ofen gelandet war; the first cut is the deepest. Und irgendwann gab`s dann beim Metzger auch keine Scheibe Wurst mehr über die Theke.” ...

Uli Becker ist 53er-Jahrgang, wie mein großer Bruder. Und ich selbst bin Modelljahr 63 - die Gruppe geburtenstarker Jahrgänge - bis auch in Deutschland (mit ein bis zwei Jahren Verzögerung) der Pillenknick einsetzte. Und genau das war die Ursprungszielgruppe von SWF3.

Wir ließen unsere Mütter weiterhin Radio Luxemburg in der Küche hören -  und wandten uns selbst einem Sender zu, der garantiert keine deutschen Schlager brachte, garantiert nur verschmerzbare drei Minuten Reklame vor den stündlichen Nachrichten herrunterjockelte und der uns ein unterschwelliges Gefühl des erhobenen Modernseins vermittelte.

SWF3 soll Anfang der Siebziger Jahre von Peter Stockinger peu a peu etabliert worden sein. Meine eigene Erinnerung geht so ungefähr auf das Jahr `76 zurück - eine Zeit, als nicht nur das nächtliche Testbild im Fernsehen obligatorisch war. Auch bei den Radiosendern war es noch verbreitet, daß während der Nachtstunden eine Sendeunterbrechung eingelegt wurde. - Nun ja, da lief schon so etwas ähnliches wie Musik: “Das SDR-Tanzorchester spielt nun Tanzmusik bis in den frühen Morgen.”

Aber was man noch in den Siebziger Jahren unter Tanzmusik verstand, das hatte eher etwas vom benebelten Phlegma lebender Toter. SWF3 beendete seinen eigentlichen Sendebetrieb um 23.00 Uhr. Und daran schloss sich Sonntagnachts eine ganze Stunde Jazz mit Joachim Ernst Behrend an. Der 1998 verstorbene “Jazzpapst” hatte sich da eine kleine elitäre Nische für den gebildeteren Musikgeschmack erkämpft.

Unverkennbare Moderatoren-Stimmen

Nach und nach wurde der tägliche Sendeumfang erweitert, nach und nach etablierten sich bei SWF3 Moderatorennamen. Offenkundig achtete man bei SWF3 in besonderem Maße auf die Stimmen der neuen Sprecher. An Intonation, Sprechgeschwindigkeit und Modulation unterschieden sich die Moderatoren deutlich von den bislang etablierten Radiosprechern. Da war der gewisse Kick: etwas mehr Härte, etwas mehr Speed, die entscheidende Portion an Coolheit, Souveränität, Frechheit, Selbstbewußtsein.

Beim deutschsprachigen Programm der Luxemburger klang man zu offenkundig sympathie-buhlend, bei den Klassik-Sendern der Öffentlich-Rechtlichen zu blutleer und bei deren volkstümelnden Programmen einfach nur peinlich bieder. Und wie anders als bieder lassen sich Sätze sagen wie “Der kleine Fritz aus Hannover grüßt mit diesem Titel von Heino seine 95jährige Großmutter und wünscht ihr alles erdenklich Gute zu ihrem Ehrentag”.

Frank Laufenberg gehörte zu den ersten Sprechern, die bei SWF3 namentlich deutlich hervortraten. Eine sympathische und warme Unverstelltheit garantierten Namen wie Elke Heidenreich oder Efie Seibert. Auch ohne, daß man über ein Sender-Jingle darauf aufmerksam gemacht werden mußte: Beim Anschalten eines Radios hörte man sofort: Diese Moderatorin, dieser Sprecher arbeitet bei SWF3. Mit SWF3 hatte Anke Engelke ihr Sprungbrett ins Fernsehen. Und fest mit dem Namen SWF3 war der Name Elmar Hörig verbunden.

Zunehmende Unterkühlungen deuteten, etwa mit dem stimmlichen Einsatz der Sprecherin Stefanie Tücking, bereits die Planung einer radikalen Zielgruppenverjüngung an. Die Stimme der Tücking: zu hart, zu übercool die Intonation, zu herablassend der Tonfall. Das bedient die Allmachtsphantasien einer Girlie-Generation über das männliche Geschlecht - eine Lara Croft am Radio-Mikro - aber wenn man das peinliche Menscheln vermeiden will, erreicht man das nicht, indem man sprachlich einen Penis-Amputations-Roboter verkörpert.

Im Herbst 1998 ging eine Ära zu Ende, als es im Zuge von Kosteneinsparungen plötzlich hieß: SWF3 heißt jetzt SWR3. Die Baden-Badener fusionierten mit den erzkonservativen Schwaben. Und so nach und nach spürte man: An dem Sender, mit dem man groß geworden war, stimmte irgendwas nicht mehr. Es war etwas verloren gegangen. “Alte” Sprecher verschwanden. Andere, geglättete Stimmen wurden eingesetzt.

Öffentlich-rechtlich - und markttauglich

Von Anfang an stellte sich das öffentlich-rechtliche SWF3 als ein Sendekonzept dar, das auch auf einem vollkommen privatisierten Rundfunkmarkt Bestand haben würde. Aber so, wie alle Behörden und öffentlichen Institutionen Deutschlands Ende der Neunziger Jahre mit GmbH-Ausgründungen und weiteren alternativen gesellschaftsrechtlichen Konstruktionen auf die privatwirtschaftliche Konkurrenz reagierten, stellt längst auch SWR3 seinen eigenen Anspruch in Frage: durch die Kraft einer öffentlichen Finanzierung ein erhobenes Niveau im Musiksektor Pop / Rock bieten zu können.

Das aus den USA stammende Formatradio-Konzept wurde an SWF3 vielfach kritisiert. Deutsche Musiker wie etwa Heinz-Rudolf Kunze oder Joy Flemming beklagten, auch bei SWF3 räume man dem deutschsprachigen Liedbereich keine feste Quote ein. Man ergebe sich vollends dem angloamerikanischen Musikbetrieb. Unsachliche Vorwürfe, denn als in den Achtziger Jahren die “neue deutsche Welle” rauschte, spürte man das auch bei SWF3. Und wenn sich neue deutsche Bands mit ausgereiftem Musikmaterial etablieren - wie etwa bei der Nachwuchsband “Echt” - dann hört man das auch bei SWR3.

Bei dem geringen Umfang an professionell gemachter deutschsprachiger Popmusik hätte das auch eine Überflutung mit dem unsäglichen Kölsch-Geschnoddel von BAB und den kirchentagsromantischen Harmoniemärchen von PUR mit sich gebracht. Nein , der Format-Focus auf die anglo-amerikanischen Charts, da liegt nicht der Hase im Pfeffer.

Keine Gnade für Kantenköpfe

Das Problem liegt an anderer Stelle: Kantige Individualisten, repräsentiert von Kult-Sprechern wie Elmar Hörig, passen nicht in ein modisches Unternehmensverständnis, in dem zwar dauernd von Teamplay die Rede ist, aber eben nur so lange, wie das Team im Sinne der höheren Hierarchie-Ebenen glatt funktioniert.

Aus Angst vor der Abstrafung durch Teile des Publikums hat doppelmoralische Prüderie und der Geist der Political correctness in öffentlich-rechtlichen und privatwirtschaftlichen Sendeinstitutionen längst wieder Einzug gehalten.

So erinnerte es an die Bundeswehraffäre um General Kiesling, als SWF3-Sprecher Elmar Hörig dafür abgestraft wurde, daß er sich über “Warme Wochen bei der Bahn” lustig machte. Frage: Wurden hier wirklich die Schwulen diskriminiert? - Oder war bloß der Werbekunde Deutsche Bahn AG darüber düpiert, daß er mit Schwuchteleien in Verbindung gesetzt wurde?

Mehr denn je gehört es zum guten Ton, über Schwule und Frauen zu spötteln - und zwar hinter vorgehaltener Hand in abgeschotteten Spezialzirkeln - während man sich in den offiziellen Stellungnahmen gegenseitig in Demonstrationen der gesellschaftlichen Liberalität überbietet. Sorry, aber zu dieser Sorte Leute fällt mir kein anderer Satz mehr ein als: Welch gequirlte Charakter-Scheiße !

Die Minderheit der Homosexuellen ist groß genug, daß sie im medial vollsexualisierten Gesellschaftsleben der deutschen Jahrtausendwende bewitzelt werden dürfte. Und Zotenwitze, sind die wirklich frauendiskriminierend? Natürlich sind sie das, in den meisten Fällen. Aber warum bitte schön ist es dann verboten, eine Frau aus männlicher Warte zu bewitzeln? Wie kann eine Bevölkerungsteilgruppe von zirka 50 Prozent eigentlich als benachteiligt und somit als zivilisatorisch schützenswert gelten? Frauen haben in der Bundesrepublik Deutschland Wahlrecht. Frauen genießen gesetzlichen Mutterschutz, der von Arbeitgeberseite teilfinanziert wird. Frauen werden im geltenden Scheidungs- und Familienrecht bevorteilt.  Unter solchen Rahmenumständen sollte man es leicht verkraften können, mit ein paar Zoten konfrontiert zu werden. Aber nein! Frauen sind eine wichtigere Konsumgruppe als Männer - und Elmar Hörig hatte wohl nicht genug an die Haus-Abteilungen Marketing und Werbung gedacht.

Aber halt! Diese Denkweise ist nicht notwendig: Auch das Fusionskonstrukt aus SWF3 und SDR3, aus dem im jüngeren Zielgruppenbereich SWR3 enstand, hat nach wie vor öffentlich-rechtlichen Charakter im Sinne des Rundfunkstaatsvertrages. Eine öffentliche Gebührenfinanzierung hätte andere Maßstäbe verlangt als die Anwendung der Political correctness im reinen Sinne der Mediaplanung. Privatwirtschaftlich tätige Medienunternehmen sind zum Zwecke des Marktüberlebens im höheren Maße zu Rücksichtnahmen gegenüber der Zielgruppe gezwungen als beamtenbürtige Konstruktionen. Aber - nun ja ...

Sprecherin einer Girlie-Band bei Harald Schmidts Late night show:
“Du glaubst nicht, wie schrecklich es ist, wenn in den Medien immer nur von deinem Körper die Rede ist.”

Entgegnung von Schmidt:
“Ich weiß zumindest wie schrecklich es ist, wenn die Rede nicht davon ist.”

In den Weiten des Internet war irgendwo die Frage zu finden, warum es Harald Schmidt vergönnt sei, unter der Gürtellinie über Frauen zu witzeln und warum Stefanie Tücking es dürfe, über den Unterleibsbereich der Männer Häme zu gießen.

Die Antwort ganz einfach: Hier kommt die Zote in der Pose des Humors daher. Und solange es nur eine Pose ist, wird es auch akzeptiert. Was aber einige Verantwortliche im Medienbetrieb gar nicht zu verkraften scheinen, das ist die Ursächlichkeit und Unverstelltheit der Aussage.

Kultmoderator Elmar Hörig wurde 1999 bei SWR3 gefeuert. Geistig freiheitsliebende Individualisten sind eben nur bei sehr selbstbewußten Chefs beliebt. Und sicher gab es auch ein paar Kollegen, die “Elmi” seine Popularität neideten. Aber auch der Umstand, daß Teamarbeit eine gewisse Räson und ein Zurücktreten der eigenen Person erfordert, mag dazu beigetragen haben, daß man sich auch in vorauseilendem Gehorsam schnell von Elmar Hörig verabschiedete. Vielsagend nimmt die SWR3-Crew in folgendem Bekenntnis zur Vertragskonformität Stellung:

“Wir bedauern, künftig ohne Elmar Hörig zu senden!”

“Wir stehen aber hinter dem Beschluß von Gerold Hug, ihn nicht mehr weiter zu beschäftigen. Elmar Hörig hat gegen Programmgrundsätze verstoßen, an die wir uns alle halten. Er hat erst vor wenigen Wochen unterschrieben, sich auch daran zu halten. Er hat es nicht getan. Gerold Hug hat die einzige mögliche Konsequenz daraus gezogen.“

“Für unsere Arbeit ändert sich nichts. Es herrscht hier weder dicke Luft, noch geht die Angst um, als nächster rausgeworfen zu werden.“

Die SWR3-Crew, 1999
(entdeckt auf einer Internet-Seite zum Thema “Rausschmiß von Elmar Hörig”)

Für die Sicherheit seines Arbeitsplatzes läßt man sich zu manchem Statement bewegen. Da hat man wohl auch die letzten Kantengesichter zu weibisch -diplomatischer Glätte geschliffen.

Es werden weniger Sketche eingekauft - und die Restbestände haben an Originalität und spritziger Schnelle verloren. Aber SWR 3 ist immer noch das führende Radioprogramm in Deutschland. Der Internet-Auftritt des Senders ist hipp - und das mit weitem Abstand zu den Marktkonkurrenten. Ideen und Konzepte kommen immer noch schneller und kerniger als bei der Konkurrenz.

Aber der Kampf zwischen den privatwirtschaftlichen Medienriesen, in dem die Öffentlich-Rechtlichen seit Jahren mitzumischen versuchen, dieser Kampf hat etwas sterben lassen, mit dem ich und mit dem viele meiner Gereration harmonisch groß geworden sind...

Rainer Liesenfeld (www.pfeilinfo.de )

Webradio SWR3: www.swr3.de